GEFFKEN-MIYAMOTO


Künstler?! Fünf Thesen (I)

by Oliver Geffken. Average Reading Time: almost 9 minutes.

Die Frage „Was ist Kunst?“ hat sich schon Platon gestellt und bislang hat noch niemand eine einfache und damit befriedigende Erklärung gefunden. Zu komplex ist dieses Phänomen.

Diese Serie wird auch keine Auskunft darüber geben, vermutlich, weil es keine Antwort gibt. Die Beurteilung der Qualität von Kunstwerken ist eine höchst subjektive Angelegenheit – und das ist auch gut so. Wichtig ist, dass sie wirkt und nicht, warum. Wie schon in unserer ARTlectric-Ausschreibung angekündigt, möchte sich diese vierteilige Serie allerdings der Frage annähren: Was braucht es zum Künstlersein? Und was macht den Künstler zum Künstler?

Aber nicht die Beantwortung dieser vielschichtigen, sicherlich polarisierenden Angelegenheit steht im Vordergrund; vielmehr soll es darum gehen, einen Diskussions- und Inspirationsraum zu öffnen.

mark rothko artist portrait Künstler?! Fünf Thesen (I)

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Unterschiede in Gemeinsamkeiten

Im ersten Teil kommen nicht nur bildende Künstler, sondern auch Dichter, Schriftsteller & Philosophen zu Wort. Anhand von Zitaten von Schöpfergeistern und Gestaltern werden fünf Eigenschaften herauskristallisiert, die ein Künstler ihrer Meinung nach haben sollte.

Im zweiten Teil werden die zehn wichtigsten, zeitgenössischen Künstler, vom Kunstmagazin Monopol im Jahr 2007 bestimmt, unter die Lupe genommen und der Versuch gestartet, ihren gemeinsamen Nenner zu finden. Es handelt sich um: Isa Genzken (D), Richard Prince (USA), Jeff Koons (USA), John Baldessari (USA), Gerhard Richter (D), Damien Hirst (GB), Bruce Nauman (USA), Peter Doig (GB/SCO), Louise Bourgeois (FRA/USA) und Wolfgang Tillmans (D).

Im dritten Serienteil geht es zurück in die Vergangenheit. Es werden die Künstler ein wenig näher betrachtet, deren Werke als die teuersten der Welt gelten (Stand: Juni 2008). Wir begegnen dem Amerikaner Jackson Pollock (1.), dem Österreicher Gustav Klimt (2., 5.), dem Spanier Pablo Picasso (3., 4.), dem Iren Francis Bacon (6.), dem Niederländer Vincent van Gogh (7.), den Franzosen Claude Monet (8.) und Auguste Renoir (9.) sowie dem Flamen Peter Paul Rubens (10.). Was sind die gravierenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser Berühmtheiten?

Im abschließenden vierten Teil werden die gewonnenen Erkenntnisse resümiert. Außerdem wird eine Sammlung von (nicht ganz ernst gemeinten) Ratschlägen präsentiert, wie man am besten und / oder schnellsten ein berühmter Künstler wird.

Profession und These

Sicherlich haben sich schon viele gefragt, was denn den Künstler zum Künstler macht, unabhängig von Kunstinteresse und Bildung. Entweder, weil sie das Werk einer Person nicht als Kunst empfinden oder weil sie vom Künstlerdasein, das oft nicht der Wirklichkeit entspricht, beeindruckt sind. Es gibt sicherlich mehr Menschen, die davon träumen, als sie zugeben würden.

Das Bild dieser Profession ist verklärt, manchmal wird es auch abwertend betrachtet. Wenn jemand von einem „Überlebenskünstler“ spricht, ist das durchaus anerkennend gemeint. Von der Ratio diktierte Erfolgsmenschen benutzen Begriffe wie „Künstlerpack“ mitunter abfällig.

Wir nähren wir uns also der Frage an, was den Künstler zum Künstler macht und lassen nun einfach die Künstler selbst zu Wort kommen. Schaut man sich an, was Künstler (wie gesagt, unter ihnen auch Schriftsteller, Dichter und Philosophen) über Künstler sagen, entstehen bald einige Thesen.

untitled cindy sherman kuenstlerin 630 Künstler?! Fünf Thesen (I)

Cindy Sherman, “Untitled”, 2010, Pigmentdruck auf selbstklebendem Phototexstoff (Abmessungen variabel); falls nicht anders gekennzeichnet © Cindy Sherman / mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin; Sprüth Magers, London.

1) Abweichung

Künstlertum zeichnet sich durch eine Andersartigkeit aus, durch eine Differenz von der Norm, durch das Hören auf die innere Stimme, durch spielerische Unkonventionalität, die auch anarchistische Züge tragen darf.

Dies machen die folgenden Stimmen deutlich:

Der irische Schriftsteller und Lebemann Oscar Wilde (1854-1900) ist der Meinung, dass „der Künstler der einzige Mensch [ist], der nie ernsthaft ist“, obwohl die Kunst „das einzig Ernsthafte auf der Welt ist“. Und weil die Kunst ernsthaft (also aufrichtig, bedeutungsvoll und ehrlich) genug ist, ist „die beste Regierungsform für den Künstler“ gar keine Regierung. Und noch etwas weiß Wilde über den großen Künstler:

„[der Künstler] sieht die Dinge niemals so, wie sie sind“, denn „wenn er sie so sähe, wäre er kein Künstler mehr“.

Oscar Wilde, irischer Schriftsteller und Lebemann

Der britische Autor und Journalist Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) unterscheidet den guten vom schlechten Künstler. Der eine ist jener, „den man verstehen kann“, der andere, „der immer missverstanden“ wird. In diese Kerbe schlägt auch der österreichische Schriftsteller, Aphoristiker und Übersetzer Alfred Polgar (1873-1955), der glaubt, dass der Kritiker, „den Künstler, den er nicht versteht, das fühlen“ lässt. Und der Künstler wiederum, so Wilhelm Busch (1832-1908), deutscher Dichter und Humorist, „fühlt sich stets gekränkt, wenn’s anders kommt, als wie er denkt“.

Die deutsche Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler (1869-1945) ist der Überzeugung, dass sich ein Künstler nicht nach der Uhr richten darf, sondern „nach dem Zeiger des Universums“. Ganz ähnlich argumentiert der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883-1955), der glaubt, dass „der Künstler [...] die Augen vor der äußeren Welt“ verschließt und „den Blick auf die subjektiven Landschaften seiner Seele“ wendet.

Der Beatnik William S. Burroughs (1914-1997) sieht es poetisch: „Die Funktion des Künstler besteht darin, die Erfahrung eines überraschten Erkennens wachzurufen“, also den Betrachter auf etwas Unbewusstes aufmerksam zu machen. Heinrich Laube (1806-1884), deutscher Schriftsteller und Dramatiker, spricht dem wahren Künstler Eitelkeit zu, während Marilyn Manson (*1969), Enfant terrible der zeitgenössischen Rockmusik, glaubt, dass die Fähigkeit zur Provokation zum Künstler gehört. Ansonsten wird er unsichtbar.

Und während viele Menschen in Bewerbungsschreiben ihre Problemlösungskompetenz preisen, ist der Künstler einer, so das österreichische Multitalent Karl Kraus (1874-1936),

„[der Künstler einer] der aus der Lösung ein Rätsel machen kann“.

Karl Kraus, österreichischer Tausendsasser

2) Stilgefühl

Der Künstler braucht eine Gabe zur Schöngeistigkeit und Ästhetik, zur Leichtigkeit und Sinnlichkeit, zum kindlichen Blick auf die Dinge, wie folgende Künstler glauben:

Ulysses-Schöpfer James Joyce (1882-1941) sieht in der Aufgabe des Künstlers die „Erschaffung des Schönen“. Kunst ist eine Art von Leichtigkeit, im Gegensatz zur Philosophie, die schon ernst macht, „wo der Künstler noch spielt“, so Carl August Emge (1886-1970), deutscher Rechtsphilosoph. Die Verbindung zwischen Kunst und Philosophie knüpft auch der deutsche Dichter und Dramatiker Zacharias Werner (1786-1823), denn ein Künstler ist seiner Meinung nach nicht nur „charmanter Gesellschafter oder Lebensphilosoph“, sondern auch „Priester des Ewigen“. Mark Rothko (1903-1970), lettisch- amerikanischer Wegbereiter des Abstrakten Expressionismus, sieht dem bildenden Künstler nur zwei gleichwertige Berufe, des Dichters und des Philosophen. Sie verfolgen das gleiche Ziel und wollen „ihr Verständnis der Wirklichkeit so konkret wie möglich zum Ausdruck bringen“. Für die deutsche Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) braucht der Künstler nur „Sinnlichkeit bis in die Fingerspitzen“.

„Sinnlichkeit bis in die Fingerspitzen“.

Paula Modersohn-Becker, deutsche Malerin und Wegbereiterin des Expressionismus

paula modersohn becker kinderakt mit storch 630 Künstler?! Fünf Thesen (I)

Paula Modersohn-Becker, “Kinderakt mit Storch”, 1906, Öltempera auf Leinwand, 73 x 59 cm; mit freundlicher Genehmigung des Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen.

Adalbert Stifter (1805-1868), Schriftsteller und Maler aus Österreich, attestiert den „höchsten Künstler[n] der Welt die lieblichste kindlichste Naivität“, die in ihrem Idealismus „demütig sind“. „Der wahre Künstler“, so glaubt er, „stellt sich die Frage gar nicht, ob sein Werk verstanden werden wird oder nicht“.

3) Integrität

Die obersten Gesetze des Künstlers sind Moral und Wahrhaftigkeit. Nicht bis in jede kleinste Handlung hinein, aber im Großen und Ganzen müssen die Handlungen des Künstlers mit seinen idealistischen Anschauungen übereinstimmen.

Zacharias Werner ist der Meinung, dass der Mensch die Moral „einsehen und respektieren“ muss. Der Künstler muss nicht moralisch sein, darf sie in seinem Kunstwerk allerdings nicht verletzten. Wer bislang geglaubt hat, dass Künstler zu den Gesetzlosen gehören, wird von Gilbert Keith Chesterton eines Besseren belehrt:

„Es ist unmöglich, Künstler zu sein und dabei Schranken und Gesetze nicht zu achten. Die Kunst ist Begrenzung; zum Wesentlichen eines Bildes gehört der Rahmen“.

Gilbert Keith Chesterton, englischer Buchautor und Journalist

4) Handwerk

Mark Rothko (den ihr übrigens auch auf dem Titelbild dieses Beitrags seht) glaubt, dass der Künstler „nur so viel Kunstfertigkeit“ braucht, „wie erforderlich ist, um sein konkretes Ziel zu erreichen“. Das Handwerk ist dennoch ein absolutes Muss.

5) Konzentration

Ein Künstler braucht ein Mindestmaß an Konzentration, die Fähigkeit, tief in sich zu dringen, die Achtsamkeit, auch Details wahr zu nehmen, aber auch Beharrlichkeit und Ausdauer sowie die Begabung zur Andacht.

Aloys Greither (1914-1986), deutscher Arzt und Biograph, sieht Mozart als „den Künstler par excellence [...]: von seinem Werk besessen, dabei naiv und unbewußt seiner Schöpferkraft anheimgegeben, alles um sich herum vergessend oder nur als Kulisse seines künstlerischen Daseins wahrnehmend“. Ein anderer weit verbreiteter Irrglauben ist es, dass ein Künstler durch und durch Künstler ist, dass er 24 Stunden am Tag mit Ideen schwanger geht und mit seinen Gedanken in den Bäumen hängt. Der österreichische Autor Stefan Zweig (1881-1942) belehrt uns eines Besseren:

„alles Wesentliche, alles Dauernde, das ihm gelingt, geschieht immer nur in den wenigen und seltenen Augenblicken der Inspiration“.

Stefan Zweig, österreichischer Schriftsteller

Auch der deutsche Dadaist und Surrealist Max Ernst (1891-1976) spricht vom „Märchen vom Schöpfertum des Künstlers“.

Vorläufiges Fazit

Nach diesen Stimmen braucht der Mensch, um zum Künstler zu werden, also

  • erstens die Fähigkeit, sich von gängigen Konventionen abzuheben,
  • zweitens einen gut ausgeprägten Sinn für Schönheit und Ästhetik,
  • drittens ein Gespür für moralisches Verhalten,
  • viertens eine solide, handwerkliche Ausbildung sowie
  • fünftens die Fähigkeit zur Konzentration.

Diese Begabungen und Kenntnisse irgendwann sein eigen zu nennen, ist oft das Ergebnis eines langen, manchmal schmerzhaften Entwicklungsprozesses. Viele bekannte Künstler sind auf dem Weg zur Berühmtheit oft steinige Pfade gegangen – der Weg ist das Ziel und es wird sich noch zeigen, dass dieser Weg oft mehr Abzweigungen als gerade Pfade enthält.

Autor/-in: Inga Ganzer
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Literaturempfehlungen:

Soviel für den Moment – vergesst bitte nicht, fleißig unsere ARTlectric-Ausschreibung an verwandte und bekannte Glückspilze weiterzuleiten. Eure Anregungen, Fragen und Hinweise bitte wie gehabt via Twitter. Danke.

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One comment on ‘Künstler?! Fünf Thesen (I)’

  1. […] an etablierte und teilweise schon zu den modernen Klassikern gehörende Künstler – hier Beuys, Rothko oder Tillmans – sind mehr als auffällig und schmecken abgestanden. So präsentieren […]

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