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Vom Mut zur Inspiration – Teil II: Anker Intuition

by Oliver Geffken. Average Reading Time: about 8 minutes.

Gibt es eine Rettung aus dem Meer der unbegrenzten Möglichkeiten? Die Beschäftigung mit der Intuition erlebt in einer von Rationalisierung und Ökonomisierung geprägten Welt in Form einer Ratgeberflut wieder eine Renaissance, denn der postmoderne, zivilisierte Mensch droht im Meer der unendlichen Möglichkeiten zu ertrinken. Die Wiederbelebung der Intuition, die zwar erst einmal Beharrlichkeit erfordert, führt zu der Fähigkeit, instinktiv wichtige Entscheidungen richtig zu fällen. Wie kann also die Intuition reaktiviert werden?

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In einer von Rationalisierung und Ökonomisierung geprägten Welt häufig verlacht und schon oft tot gesagt, erlebt die Intuition wieder eine Renaissance, was die vielfältigen Ratgeber zu diesem Thema, die allein in diesem Jahr erschienen sind, beweisen. Doch nicht nur in Bezug auf die Intuition überschwemmen Hinweisgebende Sachbücher den Markt. In allen anderen thematischen Bereichen, ob Erziehung, Karriere oder Stilfindung, erfreuen sich Ratgeberbücher immer größerer Beliebtheit. Und nicht nur Individuen nehmen Berater in Anspruch, auch in den großen Unternehmen greifen Firmenchefs schon seit vielen Jahren auf externe Experten zurück, weil sie nicht die zeitlichen und personellen Ressourcen besitzen, Schwierigkeiten selbst zu analysieren und Lösungswege zu konzeptionieren oder ihnen aufgrund einer Betriebsblindheit der objektive Blick von außen fehlt. In Hermann Hesses „Demian“ stellt sich der Protagonist vor das Problem:

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so schwer?“

Hermann Hesse, „Demian“

Demian findet im Verlaufe des Buches, seiner Intuition folgend, seinen Weg. Doch warum gelingt es uns in der heutigen Zeit nicht mehr so gut, unser Bauchgefühl überhaupt zu spüren und noch weniger, unsere Entscheidungen davon leiten zu lassen? Im 21. Jahrhundert ist der postmoderne, hoch zivilisierte Mensch nahezu täglich dem Zwang unterworfen, eine Entscheidung zu treffen. Diese beinhalten die Berufs- oder Studienwahl, die Reaktion auf Andere innerhalb der Kommunikation, Selbstinszenierung, Kaufentscheidungen etc. Die unendliche Fülle von Möglichkeiten, sich festzulegen, macht die Sache nicht einfacher.

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Andreas Gursky, “99 Cent” 1999, C-print, 207 x 337 cm
Matthew Marks Galerie, New York und Galerie Sprüth Magers, Berlin/London – © 2001 Andreas Gursky

Ganz im Gegenteil. Niemand hat die Zeit, alle vorliegenden Angebote zu prüfen, um sich für das auf individuelle Ansprüche abgestimmte Optimum zu entscheiden. Und selbst wenn sich jemand die Mühe gemacht hat, 25 Handys zu vergleichen, werden die Vor- und Nachteile unterschiedlich aufwiegen und zu weiteren Verstrickungen führen. Ratgeber helfen nicht, weil sie zu allgemein gehalten sind und die individuelle Disposition des Einzelnen ausklammern. Persönliche Berater kann sich ein Gros der Bevölkerung nicht leisten. Außerdem stünde auch hier erstmal wieder eine Entscheidung an, welcher Berater denn der Beste sei.

Intuition als wahrnehmende Grundfunktion

Das Wort Intuition ist vom lateinischen „intueri“ abgeleitet und bedeutet „betrachten“. Dieses Verb zeigt schon die wichtigste Position an, mit der Intuition geschult werden kann: Durch die Betrachtung oder auch Beobachtung. Intuition speist sich aus der Vielfalt von Informationen, die sich tagtäglich in unserem Unbewussten sammeln. Leider wird der Zugang zu diesem Wissens- und Erfahrungsreservoir in der Gegenwart oft durch übermäßig rationalistisches und kalkuliertes Denken verbarrikadiert.

Der Psychologe Carl Gustav Jung sieht die Intuition als eine von vier wahrnehmenden Grundfunktionen und bezeichnet sie als instinktives Begreifen oder als eine emotionsgebundene Ahnung. Diese vier Grundfunktionen sind einerseits

  • rational (Denken und Fühlen) als auch
  • irrational (Empfindung und Intuition).

Rational bedeutet, dass ein Mensch auf der Basis von gesellschaftlich anerkannten Werten beurteilt. Empfindung und Intuition fußen nicht auf messbaren Indikatoren, sondern werden über die Sinne aufgenommen und nicht bewertet. Die Grundfunktionen sind in jedem Menschen angelegt, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Dieser Umfang wird durch Erziehung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen (vor allem Werte) konfiguriert und so gibt es Kopfmenschen, die eher rational urteilen, ihre Entscheidungen also überdenken und ein Für und Wider abwägen. Und andererseits gibt es Gefühlsmenschen, die aus dem Bauch heraus entscheiden. In einer von Rationalität und Berechenbarkeit geprägten Welt ist dieser Typus aber kaum noch gefragt. Menschen, die sich auf ihre Intuition verlassen, müssen nicht selten Spott ertragen oder werden denunziert, aufgrund mangelnder Fakten ein Bauchgefühl vorzutäuschen. In prekären Zeiten möchte der Mensch Sicherheit erlangen und dies an Faktoren messen können.

Doch die heute so vielfältig und häufig gefällten Entscheidungen unterliegen nicht immer der ihr unterstellten Rationalität und Systematisierung. Diese Dinge bilden vielmehr die Legitimationsgrundlage für diese Entscheidungen. Jeder ist durch sein Unbewusstes beeinflusst, was vor allem der Kontakt zu anderen Menschen zeigt. Ob wir jemanden mögen oder nicht, wird meist nach wenigen Sekunden entschieden. Zeit, in der wir den Anderen auf der Basis von rationalistischen Kriterien nicht hinreichend beurteilt haben können, um zu entscheiden, ob wir ihn sympathisch finden oder nicht. Das Gehirn durchscannt alle vorhandenen Informationen (vor allem Erfahrungen) und gibt uns Hinweis darüber, ob wir die Person mögen oder nicht, ohne dass wir sagen können, warum dies so ist. Der britische Schriftsteller, Philosoph und Essayist Stuart Wilde, der eine Vielzahl von metaphysisch, bewusstseinstheoretisch und philosophisch beeinflussten Büchern über die Geheimnisse des Lebens („The secrets of life“, 1990) veröffentlicht hat, weiß:

„Den natürlichen sechsten Sinn zu entwickeln, erfordert viel Arbeit und Disziplin.“

Wichtige Entscheidungen richtig fällen – instinktiv

Die Wiederbelebung der Intuition, die zwar erst einmal Beharrlichkeit erfordert, führt zu der Fähigkeit, instinktiv wichtige Entscheidungen richtig zu fällen. Es lohnt sich, diese ursprüngliche Kraft zu aktivieren. Die Intuition kann uns langfristig entlasten und ebenso auch bereichern. Doch warum ist es so schwer, seine intuitiven Fähigkeiten, die evolutionsbedingt in jedem Menschen angelegt sind, zu erkennen und sie zu nutzen? Mangelnde Intuition ist eine Zivilisationskrankheit. Der Mensch der industrialisierten Gegenwart hat verlernt, auf seinen Bauch zu hören, weil er nicht mehr ums Überleben kämpfen muss. Die politisch geprägten Vorstellungen eines erfolgreichen und systemadäquaten Daseins haben die Menschen zudem immer stärker in ein Korsett gepresst, das zwar einerseits Sicherheit bietet, andererseits aber auch wenige Ausflüge in gesellschaftlich-politisch nicht besetzte Terrains erlaubt. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow entwickelte Mitte der 1940er Jahre eine Bedürfnishierarchie, die heute auch als Bedürfnispyramide bekannt ist.

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Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow

Dabei bilden die menschlichen Unentbehrlichkeiten Stufen, die aufeinander aufbauen. Erst, wenn der Mensch die unterste Stufe befriedigt hat, kann er zur nächsten aufsteigen. Die Grundlage bilden die sog. körperlichen Existenzbedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Schutz durch Wohnraum. Auf der zweiten Ebene bilden eine materielle Existenzgrundlage und Obhut den Korpus Sicherheit. Drittens liegen die sozialen Bedürfnisse wie Freundschaft und Partnerschaft auf der nächsten Stufe. Darauf folgt das Niveau der Anerkennungsbedürfnisse. Dazu gehören Status, Wohlstand und Erfolge. Die höchste Stufe beschreibt das Thema Selbstverwirklichung und umfasst die Entfaltung von Begabungen und Individualität. Intuition ist ein Relikt aus der Zeit, in der Homiden lediglich in der Lage waren, die erste Stufe dieser Pyramide zu befriedigen. Sie benötigten ihren Instinkt und ihre Intuition, um Nahrung zu beschaffen oder sich vor Feinden zu schützen. Intuition war vor Zehntausenden von Jahren die wesentliche Ressource im Kampf ums Überleben.

Existentielle Erfahrungen zur Wiederbelebung der Intuition

Der zivilisierte Mensch muss zuerst existenzielle Erfahrungen machen, die die Wurzel der ersten Stufe der Bedürfnispyramide berühren, um die Kraft seiner verkümmerten Intuition überhaupt spüren zu können. Dies kann auf verschiedene Art und Weise geschehen: durch Askese, Mutterschaft oder das Beschreiten neuer Wege.

  • Askese ist das bewusste Abwerfen von zivilisatorischen Annehmlichkeiten. In der Religion wird asketisches Verhalten, z.B. in Form von Fasten dazu genutzt, eine geistige Deutlichkeit zu erlangen, die es ermöglicht, eine wesentliche Entscheidung zu treffen. Askese umfasst Entfesselung von allen Alltagsangelegenheiten und auch -problemen. Diese Entledigung führt zu Klarheit.
  • Zweitens kann eine Frau, die ein Kind gebärt, zu intuitiven Erkenntnissen gelangen. Sie ist zu Beginn nicht in der Lage, mit dem Neugeborenen direkt zu kommunizieren und seine Bedürfnisse zu erfahren. Deshalb muss sie sich auf ihren Mutterinstinkt verlassen und wird mit viel Aufmerksamkeit bald in der Lage sein, das Kind zu lesen und es zu verstehen.
  • Drittens kann eine Reise in ein Land, das auf einem völlig unterschiedlichen kulturellen als auch geringeren ökonomischen Niveau liegt einen ähnlichen Effekt haben, wenn es auf eigene Faust erkundet wird. Der Reisende wird sich auf sein Gefühl verlassen müssen, wenn er weder die Sprache des Landes spricht, noch mit den kulturellen Praktiken vertraut ist. Mangelnde wirtschaftliche Versorgung oder eine unzureichende Infrastruktur in diesem Land stellen den Reisenden bei der täglichen Nahrungs- und Wohnraumorganisation vor weitere Herausforderungen, denen er mit seinen in der Industriegesellschaft erworbenen Fähigkeiten nicht immer Herr werden wird. Der Homo oeconomicus wird sich auf seinen Instinkt und Erfindergeist besinnen müssen.

Wenn die Grundlegung oder Wiederbelebung der Intuition gefunden und bewusst erfahren wurde, kann sie Stück für Stück geschult und ausgebaut werden, ähnlich der von Maslow beschriebenen Pyramide. Die Basis bildet eine Absage an die Selbstverständlichkeit, mit der die Sinne wie sehen, riechen oder tasten, genutzt werden. Das Begreifen der eigenen Sinne als ein Wunder und unerschütterliches Wahrnehmungsfundament führt zu einem neuen Bewusstsein, welches das Leben bereichert. Sobald die Bedeutung der Sinneswahrnehmung bewusst geworden ist, folgt auf der nächsten Stufe die Schärfung dieser neu gewonnenen Erkenntnis. Dies bedeutet Reflexion, die nicht nur die Begabung, sich selbst fühlen und verstehen zu lernen, umfasst, sondern die sich ebenso in Wachsamkeit und in der Fähigkeit zur Muße manifestiert. Auf dieser Basis führt die Wiedererlangung der Intuition über die dritte Stufe, die für Meditation und Kontemplation steht und praktisch mit Imagination, Visualisierung, freiem Assoziieren und bewusstem Träumen erarbeitet werden kann.

Ganz im Rousseau’schen Sinne lautet der Weg aus dem Meer der unbegrenzten Möglichkeiten: Retour á la Intuition!

Autor/-in: Inga Ganzer
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2 comments on ‘Vom Mut zur Inspiration – Teil II: Anker Intuition’

  1. […] GEFFKEN MIYAMOTO: Anker Intuition: Gibt es eine Rettung aus dem Meer der unbegrenzten […]

  2. […] jemand von einem „Überlebenskünstler“ spricht, ist das durchaus anerkennend gemeint. Von der Ratio diktierte Erfolgsmenschen benutzen Begriffe wie „Künstlerpack“ mitunter […]

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