GEFFKEN-MIYAMOTO


Shortwave: 6. Berlin Biennale 2010

by Oliver Geffken. Average Reading Time: about 6 minutes.

Glauben Sie an die Wirklichkeit? Was für eine Frage, werden Sie antworten. Die Wirklichkeit ist doch nichts, woran man glauben müsste. Sie holt uns ohnehin sprichwörtlich ein – immer. Aber wovon sprechen wir hier denn überhaupt?

mark-boulos-all-that-is-solid-melts-into-air

Wie wäre es davon, dass man so oft hört, die Wirklichkeit sähe anders aus? Oder davon, warum es zur Gewohnheit geworden ist, so vielen Wörtern und Behauptungen ein ‚tatsächlich‘, ein ‚wirklich‘ oder ‚echt‘ beizufügen? Lassen Sie uns über die Risse in der Wirklichkeit sprechen, über den Abstand zwischen der Welt, über die geredet wird, und der Welt, die tatsächlich da ist. Aber wozu diese Unterscheidung? Weil die Wirklichkeit immer das Andere ist? Oder die Anderen? Alles, was draußen wartet?

Sprechen wir über die Selbsttäuschungen, da, wo die Wirklichkeit zu schmerzhaft wird. Sprechen wir vom fiktionalen Arsenal der Massenmedien und des Konsums, von den Rhetoriken der Ablenkung und der Beschwichtigung.

Müsste uns das nicht endlich zur Frage nach der Kunst der Gegenwart führen, nach ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit?

Die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst versammelt vom 11. Juni bis zum 8. August 2010 an mehreren Orten Berlins zahlreiche künstlerische Positionen zur Gegenwart. Michael Schmidts fotografische Arbeiten stellen den ersten künstlerischen Beitrag zur Biennale dar und werden sie während ihrer gesamten Dauer im öffentlichen und medialen Raum begleiten.

Kontextualisiert wird die Biennale durch eine Ausstellung mit Werken von Adolph Menzel (1815 – 1905), die der amerikanische Kunsthistoriker Michael Fried auf Einladung von Kathrin Rhomberg in Zusammenarbeit mit der Alten Nationalgalerie und dem Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin kuratiert.

– Auszug Pressetext, Ausstellung

Kuratorin Kathrin Rhomberg

Seit 1990 ist Kathrin Rhomberg freie Kuratorin von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst; sie zeichnet für die Konzeption und Organisation von Kunst- und Theorieprojekten, Vortragsreihen und Symposien und die Realisierung zahlreicher Publikationen verantwortlich. Am 1. Juli 2008 wurde sie zur Kuratorin der 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst berufen, die im Sommer 2010 stattfinden wird. Von 2002 bis 2007 war Kathrin Rhomberg Direktorin des Kölnischen Kunstvereins. Von 2002 bis 2006 hat sie gemeinsam mit Marion von Osten die künstlerische Leitung des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Projekts Migration übernommen. Gemeinsam mit Maria Hlavajova ist sie Gründungsdirektorin von Tranzit, einer langfristigen Initiative der Erste Bank Gruppe zur Förderung zeitgenössischer Kunstprojekte in Zentraleuropa, die seit 2002 besteht. Im Jahr 2000 war sie gemeinsam mit Maria Hlavajova, Ole Bouman und Francesco Bonami Co-Kuratorin der Manifesta 3 – Europäische Biennale für zeitgenössische Kunst, Ljubljana. Von 1990 bis 2001 war sie Kuratorin und Leiterin des Ausstellungsbüros Secession in Wien.

Zuletzt hat sie 2009 die Ausstellungen Ion Grigorescu – In the Body of the Victim 1969–2009 im Museum für Moderne Kunst in Warschau und Roman Ondák – Loop im Tschechischen und Slowakischen Pavillon der 53. Biennale di Venezia kuratiert. Im Kölnischen Kunstverein zeigte sie unter anderem Clemens von Wedemeyer (2006), Jutta Koether (2006), Sanja Iveković (2006), Cezary Bodzianowski (2005), Trisha Donnelly (2005), Cosima von Bonin (2005), Roman Ondák (2004) und Florian Pumhösl (2003). In der Wiener Secession hat sie unter anderem Einzelausstellungen mit Christopher Wool (2001), Trinh T. Minh-ha (2001), Renée Green (1999), Pierre Huyghe (1999), Markus Geiger (1998), Mike Kelley & Paul McCarthy (1998), Zoe Leonard (1997), James Coleman (1997), Lois Weinberger (1996), Carsten Höller (1996), Dieter Roth (1995) und Heimo Zobernig (1995) realisiert sowie die Gruppenausstellungen Ausgeträumt… (2001) und Junge Szene (1998).

Kathrin Rhomberg lebt und arbeitet in Wien und Berlin.

Artists Beyond

Den Auftakt der 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst bildet das durch die Europäische Kommission geförderte Projekt Artists Beyond, mit dem die Produktion von Künstlerinnen und Künstlern an ihren Wirkungsstätten in einen öffentlichen Dialog eingebunden werden soll. Auf Einladung von Kathrin Rhomberg haben sieben Künstlerinnen und Künstler in Europa die Arbeit an ihren Beiträgen bereits aufgenommen:

  • Mark Boulos, *1975, lebt und arbeitet in Amsterdam
  • Phil Collins, *1970, lebt und arbeitet in Glasgow/Großbritannien und Berlin
  • Marcus Geiger, *1957, lebt und arbeitet in Wien
  • Nilbar Güreş, *1977, lebt und arbeitet in Wien und Istanbul/Türkei
  • Petrit Halilaj, *1986, lebt und arbeitet in Berlin, Runik/Kosovo und Bozzolo/Italien
  • Thomas Locher, *1956, lebt und arbeitet in Kopenhagen und Berlin
  • Marie Voignier, *1974, lebt und arbeitet in Paris

Ein zentrales Anliegen von Artists Beyond ist es, den Entstehungsprozess der künstlerischen Arbeit für die Berlin Biennale der jeweiligen lokalen Öffentlichkeit vorzustellen. Artists Beyond gibt mit unterschiedlichen Veranstaltungen Einblicke in künstlerische Forschung und Arbeit und ermöglicht eine Partizipation am Schaffensprozess sowie einen Austausch mit dem Publikum am Wirkungsort der beteiligten Künstlerinnen und Künstler.

mark-boulos-all-that-is-solid-melts-into-air

Dieses, sowie das Bild oben, aus der Videoinstallation von Mark Boulos: „All That Is Solid Melts into Air“, 2008; 2-Kanal-Installation, HDV, Farbe, Ton; 14′ 20“; 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Künstlerinnen und Künstler:

Bernard Bazile (*1952 in Tulle/Frankreich), Mark Boulos (*1975 in Boston/USA), Mohamed Bourouissa (*1978 in Blida/Algerien), Olga Chernysheva (*1962 in Moskau/Russland), Phil Collins (*1970 in Runcorn/Großbritannien), Minerva Cuevas (*1975 in Mexiko City/Mexiko), Shannon Ebner (*1971 in Englewood/USA), Nir Evron (*1974 in Herzlia/Israel), Marcus Geiger (*1957 in Muri/Schweiz), Ion Grigorescu (*1945 in Bukarest/Rumänien), Friedl vom Gröller (Kubelka) (*1946 in London/Großbritannien), Nilbar Güreş (*1977 in Istanbul/Türkei), Petrit Halilaj (*1986 in Skenderaj/Kosovo), Marlene Haring (*1978 in Wien/Österreich), Cameron Jamie (*1969 in Los Angeles/USA), Sven-Åke Johansson (*1943 in Mariestad/Schweden), Thomas Judin (*1982 in Frankfurt am Main/Deutschland), George Kuchar (*1942 in New York/USA), Andrey Kuzkin (*1979 in Moskau/Russland), Thomas Locher (*1956 in Munderkingen/Deutschland), Adrian Lohmüller (*1977 in Gengenbach/Deutschland), Armando Lulaj (*1980 in Tirana/Albanien), Renzo Martens (*1973 in Sluiskil/Niederlande), Adolph Menzel (*1815 in Breslau, † 1905 in Berlin), Avi Mograbi (*1956 in Tel-Aviv/Israel), Henrik Olesen (*1967 in Esbjerg/Dänemark), Roman Ondák (*1966 in Zilina/Slowakische Republik), Marion von Osten (*1963 in Dortmund/Deutschland), Ferhat Özgür (*1965 in Ankara/Türkei), Margaret Salmon (*1975 in New York/USA), Hans Schabus (*1970 in Watschig/Österreich), Michael Schmidt (*1945 in Berlin/Deutschland), Ruti Sela (*1974 in Jerusalem/Israel) & Maayan Amir (*1978 in Hadera/Israel), Gedi Sibony (*1973 in New York/USA), John Smith (*1952 in London/Großbritannien), Michael Stevenson (*1964 in Inglewood/Neuseeland), Sebastian Stumpf (*1980 in Würzburg/Deutschland), Ron Tran (*1972 in Saigon/Vietnam), Danh Vo (*1975 in Saigon/Vietnam), Marie Voignier (*1974 in Ris-Orangis/Frankreich), Vincent Vulsma (*1982 in Zaandam/Niederlande), Anna Witt (*1981 in Wasserburg am Inn/Deutschland), Pleurad Xhafa / Sokol Peçi (beide *1984 in Albanien

petrit-halilaj-they-are-lucky-to-be-bourgeois-hens

Petrit Halilaj, „They are Lucky to be Bourgeois Hens“, 2008, Installation, verschiedene Materialien, “Art is my Playground”, Tershane, Istanbul. (Courtesy Chert, Berlin) Foto: Alexis Zavialoff

Ausstellungsorte:

11.06.2010 – 08.08.2010

Rahmenprogramm und Kooperationen:

La monnaie vivante / The Living Currency / Die lebende Münze
17.–19.6.2010, 19.30–00.30 Uhr, HAU 1, Stresemannstraße 29, 10963 Berlin
Nach Pierre Klossowski, inszeniert von Pierre Bal-Blanc für die 6. Berlin Biennale und realisiert in Zusammenarbeit mit dem Hebbel am Ufer (HAU) und dem Centre d’art contemporain de Brétigny (CAC Brétigny).

Mit Performances und Arbeiten von Marie Cool Fabio Balducci, Robert Breer, Pier Paolo Calzolari, Ceal Floyer, Simone Forti, Prinz Gholam, Jens Haaning, Sanja Iveković, Jiří Kovanda, Teresa Margolles, Roman Ondák, Christodoulos Panayiotou, Gianni Pettena, Pratchaya Phinthong, Santiago Sierra, Annie Vigier & Franck Apertet (les gens d’Uterpan), Franz Erhard Walther, Franz West, Artur Żmijewski u. a.; sowie mit Partituren von Cornelius Cardew und Christian Wolff, gespielt von Jean-Jacques Palix.

Searching for the Post-Capitalist Self
e-flux journal #17, Sommer 2010, gast-editiert von der Künstlerin und Kuratorin Marion von Osten als ihr Beitrag zur 6. Berlin Biennale in Zusammenarbeit mit e-flux journal.

Mit Beiträgen von An Architektur / Massimo de Angelis / Stavros Stavrides, Manuela Bojadzijev / Serhat Karakayali, Antke Engel, Jesko Fezer, Tom Holert, Judith Hopf, Isabell Lorey, Sebastian Luetgert, Natascha Sadr Haghighian, Marion von Osten / Fahim Amir / Eva Egermann / Peter Spillmann und Florian Zeyfang.


Soviel für heute – und nur für die, die es noch nicht wissen: man kann uns auch via Twitter folgen.

WE RECOMMEND:

Shortwave: 7. Jahrestagung Kulturwirtschaft in Berlin

Im November 2009 hat die neue Bundesregierung eine Beratungsagentur für Kulturunternehmen und Kreative in Form von Regionalzentren geschaffen und damit einen wichtigen Schritt in Richtung Professionalisierung der Kreativbranche getan. Wie ist diese Arbeit nach rund einem Jahr zu bewerten? Welche neuen Impulse gibt es in der „Bildung“ in der Kreativwirtschaft? […] [...] Read more – ‘Shortwave: 7. Jahrestagung Kulturwirtschaft in Berlin’

Shortwave: Kunst am Bauzaun – Feldmann und der Luxus

Ein Bauzaun wird zum Schaufenster der Kunst: Der für seine skurril-eigenwilligen Projekte bekannte Düsseldorfer Konzeptkünstler Hans-Peter Feldmann hat jetzt einen wahren Hingucker an einer Baustelle auf der Düsseldorfer Nobel- Einkaufsmeile Königsallee produziert. In einem Guckloch, das in einen in rote Plastikfolie gehüllten Bauzaun geschnitten ist, wandert seit Donnerstag ein hölzerner Mensch [...] Read more – ‘Shortwave: Kunst am Bauzaun – Feldmann und der Luxus’

Guggenheim Lab – Kunst prallt auf Wirklichkeit

Der aggressive Streit um ein amerikanisches Kulturprojekt zeigt, wie verstockt Berlin über Zukunft debattiert. Das Guggenheim Lab, eigentlich ein harmloser Quader aus Karbonfaser, Arbeitsplatz für vier schlaue Köpfe, wird während seines Besuches in Berlin voraussichtlich unter Polizeischutz stehen. Vertrieben aus Kreuzberg von einer Kiezguerilla, war inzwischen für das intellektuelle Labor […] [...] Read more – ‘Guggenheim Lab – Kunst prallt auf Wirklichkeit’

No comments on ‘Shortwave: 6. Berlin Biennale 2010’

Leave a Reply